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30.9.07 Berlin.-Marathon, 6 Uhr morgens, noch 3 Stunden bis zum Start. Mit Antje zusammen will ich am größten Marathon auf deutschem Boden als Vereinsmitglied von Meddys LWT teilnehmen. Heute gibt es erst ab kurz vor 7 Uhr Frühstück in unserer kleinen Pension Hotel Korfu direkt gegenüber der Gedächtniskirche am Kurfürstendamm in Charlottenburg. Obwohl mitten im Zentrum, liegen die Zimmer so ruhig, dass wir gut ausgeschlafen sind. Es ist noch kühl draußen, es regnet aber nicht mehr.

Nach kurzem Frühstück gehts Richtung Start. Aber welchen Weg nehmen wir? In der Teilnehmerinformation werden die Wege von 4 Bahnhöfen aus beschrieben, wer ist denn von uns am besten zu erreichen? Nach kurzem Studium der U-Bahnkarte entscheiden wir uns mit der U2 Richtung Pankow bis zum Potsdamer Platz zu fahren. Nachdem wir in der U-Bahn sitzen brauchen wir uns um den weiteren Weg keine Gedanken mehr zu machen. An jeder Station steigen weitere Läufer zu, und wahre Menschenmassen fließen aus der Bahnstation am Potsdamer Platz durch die Ebertstrasse rechts des Tiergartens Richtung Brandenburger Tor. Vor dem Brandenburger Tor befinden wir uns bereits im Start- und Zielbereich. Ein schräg verlaufender Weg durch die Grünanlagen führt uns kurz auf den sog. Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude. Im hinteren Bereich dieses Platzes befindet sich schon die Kleiderbeutelablage für die Männer. Die der Frauen befinden sich weitab hiervon. Antje und ich trennen uns, und verlieren uns im Gewühl. Bis zum Ziel sollten wir uns nicht mehr wiedersehen. Sicherheitshalber hatten wir als Treffpunkt schon mal den Familien-Sammelpunkt mit Buchstaben A vereinbart. Nachdem ich zunächst nach meiner Kleiderabgabe vergeblich versuche, meine Laufpartnerin wiederzufinden, entscheide ich schließlich mich alleine zum Startblock H zu begeben, der für die langsameren Läufer ab 4.15 h vorgesehen ist. 40 000 Läufer stehen dicht gedrängt auf der Straße des 17.Juni.

Die Stimmung vor dem Start ist gespannt. Alle erwarten, dass es endlich los geht. Viele werfen vorzeitig ihre gelben Plastikumhänge weg. Dem einen oder anderen wird es bereits zu kalt. Endlich geht es los.
Rockmusik ertönt aus großen Lautsprechern und heizt die Stimmung an. Das berühmte Foto vom Berlin-Marathon mit der Siegessäule im Hintergrund habe ich in voller Realität vor mir. 9-8-7-6-5-4-3-2-1. Der Riesen Lindwurm setzt sich schwerfällig in Bewegung. Da ich im letzten Moment noch mal auf ein Dixi-Klo gehe, laufe ich ziemlich am Ende des Feldes.

Eigentlich hege ich keine großen Erwartungen hinsichtlich eines Zeitzieles , da wegen einer Verletzung mehrere Wochen eine vernünftigeMarathonvorbereitung nicht möglich war. So hatte ich mich realistisch lediglich auf Ankommen eingestellt. Aber insgeheim wollte ich zumindest nichts unversucht lassen, um die 4:30 Grenze zu schaffen.

Die ersten beiden Kilometer geht es an der Siegessäule vorbei weiterhin die Straße des 17.Juni entlang. Am Ernst Reuter Platz biegen wir rechts in die Franklin Strasse ein, und laufen über die erste Spree-Brücke Richtung Moabit. In der Nähe des berühmten Knastes von Moabit ist bei Kilometerstand 5 der erste sog. Erfrischungspunkt. Ich sehe auf meine
Uhr 31.42 min, bin somit mit 6:20 km/min. gut in der Zeit.
Kurz danach kommen wir an Bundeskanzleramt und Reichstag vorbei.
Unterwegs bekomme ich Gesellschaft. Michael aus Polch spricht mich plötzlich von hinten an, als ich vorbei laufe. Das blaue Meddy Trikot mit der Aufschrift "Mit Meddy zum Eck" hat ihn aufmerksam gemacht.

Sein erster Marathon sei der erste Mittelrhein-Marathon gewesen, den hätte er erfolgreich beendet. Herzlich Glückwunsch, sage ich, dann dürfte das ja heute kein Problem sein, in Anbetracht der doch für Läufer idealen Temperatur von ca. 14 Grad. Der erste Mittelrhein-Marathon war ja bekanntlicher Weise ein Hitzemarathon. Das Trio wird vervollständigt durch Ute aus Siegburg. Sie ist zwar mit 30 Mann angereist, aber sie hat alle verloren. Sie braucht ein bißchen Unterhaltung. In angenehmer Gesellschaft gehen wir die nächsten 10 - 15 km an. Die Strecke führt jetzt über die Ortsteile Berlin Mitte mit Blick auf den Fernsehturm über den Stadtteil Friedrichshain hinein nach Klein-Istanbul, dem Ortsteil Kreuzberg, der größten türkischen Siedlung außerhalb der Türkei.

Ab und zu versuch ich zwischendurch aus dem Laufen heraus Bilder mit meiner kleinen Kamera zu schießen, merke aber schnell, dass das Anhalten und dann wieder hinterherlaufen doch zu viel Kraft kostet, und lasse es schlussendlich bleiben. Dafür wird viel erzählt unterwegs, die Zeit vergeht wie im Fluge. Schließlich passiert es. Bei dem Verpflegungsstand am Hermannplatz bei km Stand 16 verlier ich meine neuen Freunde und bin seitdem wieder allein auf Achse. Immer noch laufe ich konstant ca. 31 min. Halte ich dieses Tempo annähernd, müßte ich die 4:30 min locker schaffen. Es sind einige gute Music acts am Wegesrand, die dort für gute Stimmung sorgen. Ob Blasorchester, Bongotrommeln, Rockmusik, es ist alles vertreten.
Von New York her kenne ich das Anfeuern der Läufer durch Nennen des Namens, den jeder Läufer auf seiner Startnummer trägt. Hier in Berlin ist dieser aber so klein gedruckt, dass die Zuschauer den Namen oft nicht lesen können. So etwas sollte eigentlich bei einer so großen Veranstaltung besser organisiert sein.

Durch Kreuzberg zu laufen macht echt Spass. Dort höre ich die beste Musik, und man bekommt mit den vielen kleinen Geschäften, Restaurants und Kneipen auch für das Auge was geboten.

Meine hinteren Oberschenkel deuten durch beginnende leichte Schmerzen an, dass gleich der Spass vorbei ist. Und tatsächlich. Nach Erreichen der Halbmarathonzeit 2: 14:29 in der Potsdamer Strasse in Schöneberg kann ich noch ca. 5 km das Tempo halten. Danach verringert sich mein Tempo alle 5 Km jeweils um 1 min/km. Ich versuche weiterhin entspannt zu laufen. Was ich unbedingt vermeiden will, ist zu gehen, oder stehenzubleiben. Ich denke daran, dass ich irgendwo gelesen hatte, es entscheidet sich alles im Kopf. Sobald die Schmerzen beginnen, versucht der innere Schweinehund dich zum Gehen zu bewegen. Diese Überlegung wollte ich gar nicht erst aufkommen lassen.

Die Strecke verläuft jetzt durch die Ortsteile Wilmersdorf und Schöneberg am gleichnamigen früheren West-Berliner Rathaus der Stadt vorbei. Hier hat J.F. Kennedy seine berühmten Worte gesprochen:" Ich bin ein Berliner."

Schließlich erreichen wir den Wilden Eber bei km 27 . Dort soll immer die Hölle los sein, wenn die Läufer vorbei laufen. Es sind zwar viele Zuschauer dort. Aber der Funken scheint mir nicht überzuspringen. Vielleicht haben die schon ihre Energie verbraucht um Haile anzufeuern. Ich laufe schon immer ganz links mit geringem Abstand zu den Zuschauern. Dann kann ich zumindest die Kinder abklatschen, die mir ihre Hände entgegenhalten. Es macht Spass und motiviert in freudestrahlende Kindergesichter zu sehen.

Nach 32 Kilometern erreichen wir den Kurfürstendamm. Unweit entfernt ist bereits die Gedächtniskirche für den alten Kaiser Wilhelm. Da sie nicht mehr aufgebaut wurde, wurde direkt nebenan eine neue moderne Kirche errichtet, die man im Volksmund nur Eierkarton nennt. Wenn man sie gesehen hat, weiß man wieso.

Meine Schmerzen werden stärker. In regelmäßigen Abstände nehme ich vor den Wasserstationen meine Energiegels. Gegen die muskulären Probleme in den Oberschenkel helfen die mir allerdings nicht.

Noch 10 km, es fällt mir momentan schwer zu glauben, dass ich ohne Schwierigkeiten ohne längere Gehpausen ins Ziel kommen soll.
Ich versuche die Gedanken auf andere Dinge zu lenken, z.B. auf weitere Gebäude, die man während des Laufens wahrnehmen kann, hierzu gehören nach Erreichen der Potsdamer Strasse die Nationalbibliothek, und die Philharmonie. Schließlich erkenne ich auch das nach der Wende neu erbaute beeindruckende Sony- Center am Potsdamer Platz.

Seltsamerweise läuft es plötzlich wieder besser. Ich kann relativ mühelos das Tempo halten, sogar nach einigen Kilometern ein bißchen erhöhen. Als ich dann sogar beginne die in meinem Bereich befindlichen Mitläufer zu überholen, werde ich leicht übermütig.
Vom Potsdamer Platz laufen wir geradeaus die Leipziger Strasse und biegen schließlich in einem großen Bogen über Gertraudenstrasse und Breite Strasse in die lange Zielgerade der Strasse Unter den Linden ein.

Jetzt ist endlich Schluss mit Lustig. In der Ferne ist schon das Brandenburger Tor zu erkennen. Es sind aber immer noch 2 km. Genauso plötzlich wie das Hochgefühl vor wenigen Kilometern jetzt das Gegenteil. Meine Beine werden schwer. Mein Kopf sagt: Bleib stehen, geh wenigstens. Die paar Kilometer schaffst Du auch im Gehen! Eben hab ich noch überholt, jetzt das umgekehrte Spiel. Ich bleibe eisern. Um nur ja nicht in die Versuchung zu kommen, lass ich die letzte Getränkestation ausfallen, nur jetzt nicht in Gehen verfallen. Das einzige, was ich jetzt getrunken hätte, wäre Cola. Haben Sie nicht, also weiter.
Für die vielen Sehenswürdigkeiten an dieser Prachtstrasse habe ich im Moment keine Augen mehr. Berliner Dom, Schlossbrücke und Lustgarten, Kronprinzenpalais, oder Humboldt Universität können mich nicht mehr fesseln, nur noch eins - die Vorstellung endlich im Ziel zu sein.
Jetzt schmerzen nicht mehr nur die Beine, sondern auch die Füße. 200 m vor dem Brandenburger Tor fängt es an zu regnen. Das stört jetzt auch keinen mehr. Der letzte dramatische Akt folgt . Ich laufe durchs Brandenburger Tor, sehe die Matten die von dem Chip ausgelöst werden, höre das Piepsen und drücke die Uhr. Dann sehe ich, da ist ja noch gar nicht das Ziel. Es befindet sich noch 200 m dahinter. Noch einmal alle Reserven angreifen, die paar Meter kriegen wir auch noch hin.
Dann endlich der Einlauf ins Ziel. Ich reiße apathisch die Hände hoch. Und nehme mir vor, nie mehr einen Marathon zu laufen, das reicht jetzt! Spätestens bis zum nächsten Mal. Es gibt noch andere Hauptstädte. wo man Marathons laufen kann - London, Paris, Wien.
Ich gebe zu, die letzten Empfindungen hatte ich erst 1-2 Tage später, als wieder ein bißchen Gras über die Sache gewachsen ist.

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